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01.
Die Schöpfung
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
Johannes 1,1–3
Eine Brücke zwischen der antiken Philosophie und der biblischen Kosmologie bildet der Begriff des Logos (λόγος).
Dieses Konzept aus der griechischen Philosophie, das gleichermaßen Wort, Sinn und Vernunft meint, diente Denkern der Stoa oder dem jüdisch-hellenistischen Philosophen Philo von Alexandria dazu, das ordnende Prinzip des Universums zu erklären.
Der Logos galt ihnen nicht als bloßer Gedanke, sondern als die treibende, gestaltende Kraft Gottes, die das ursprüngliche Chaos formte.
Als immanentes Weltgesetz brachte er Struktur und mathematische Ordnung in die Materie und überbrückte so die Kluft zwischen einem völlig transzendenten Gott und der sichtbaren Schöpfung.
In der theologischen Protologie, der Lehre von den Uranfängen, wurde diese Idee tief verankert.
Diese Vorstellung einer rationalen Weltschaffung korrespondiert eng mit der Priesterschrift in Genesis 1. Der Bericht beginnt mit den bekannten Worten:
1 Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.
2 Die Erde war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser
Genesis 1,1–2
Der Schöpfungsakt vollzieht sich hier als Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo).
Das dafür genutzte hebräische Verb bara unterstreicht dieses rein göttliche Wirken, das über das gesprochene Wort geschieht.
Hier verschmilzt das hebräische Dabar – das tatkräftige Wort, bei dem Reden und Handeln eins sind – mit dem griechischen Logos-Begriff.
Wenn Gott spricht:
3 Es werde Licht! Und es wurde Licht
Genesis 1,3
greift das Wort direkt in die Realität ein.
Es trennt Licht von Finsternis, ordnet das ungeformte Chaos (tohu wa-bohu) und baut eine klare, siebentägige Hierarchie auf.
Am Ende dieser Ordnung steht der Mensch als Abbild Gottes (Gen 1,27).
Als rationales Wesen erhält er damit ein bleibendes Fundament:
Er hat Anteil an der göttlichen Vernunft und Sprachbegabung.
Der ältere, jahwistische Schöpfungsbericht in Genesis 2 wählt dagegen einen ganz anderen, anthropomorphen Zugang.
4 Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden. 5 Zur Zeit, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher
Genesis 2,4–5
Statt des distanzierten Wortes zeigt der Text hier einen fast handwerklich agierenden Gott, der den Menschen aus der Erde formt und ihm den lebendigen Odem in die Nase bläst (Gen 2,7).
Die Theologie deutet diesen Lebenshauch – im Hebräischen Neschama oder Ruach – als jenen Funken göttlichen Geistes, der den Menschen überhaupt erst beseelt und vom Tier abhebt.
Dadurch wird der Mensch selbst zu einem Träger des Logos.
Deutlich wird das, als Gott ihm die Tiere bringt, damit er ihnen Namen gibt (Gen 2,19). Dieses sprachliche Ordnen und Kategorisieren der Umwelt ist ein zutiefst rationaler Akt. Er zeigt, dass der Logos in Genesis 2 kein starres, mechanisches Gesetz bleibt, sondern eine beziehungsstiftende Dimension besitzt, die menschliche Gemeinschaft, Arbeit und Ethik überhaupt erst Sinn verleiht.
Das Johannesevangelium führt diese Linien schließlich im Neuen Testament zusammen, bricht dabei aber mit dem antiken Denken.
Johannes knüpft mit seinem en arche ("Im Anfang") zwar direkt an das hebräische Bereschit aus Genesis 1 an, personifiziert den Logos jedoch und setzt ihn mit Jesus Christus gleich.
Damit begründet der Prolog die christologische Präexistenzlehre: Der Logos ist kein unpersönliches Weltgesetz mehr, sondern eine göttliche Person, die schon vor aller Zeit bei Gott war. Wirkte dieser Logos beim Schöpfungsakt noch rein geistig, als Logos asomatos, folgt in Johannes 1,14 der eigentliche Wendepunkt:
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1,14
Dass die unvergängliche Weltvernunft in die hinfällige Materie des Fleisches (sarx) eintritt, war für die antike Philosophie unvorstellbar.
Johannes überführt den kosmischen Bauplan damit in ein konkretes geschichtliches Handeln innerhalb der Heilsgeschichte. So wie ein gesprochenes Wort unsichtbare Gedanken offenbart, so macht der inkarnierte Logos den unsichtbaren Gott erkennbar (Joh 1,18).
Das Verständnis des Logos verlagert sich somit von einer rein kosmologischen Konstante hin zu einer soteriologischen, erlösenden Person. Frühe Kirchenväter wie Justin der Märtyrer griffen diese Verbindung später dankbar auf, um eine argumentative Brücke zur heidnischen Welt zu schlagen.
Mit der Idee des Logos spermatikos, des ausgesäten Wortes, erklärten sie, dass Gott Fragmente seiner Wahrheit wie Samenkörner in der gesamten Menschheit verstreut hat.
Das ist dann auch die Erklärung dafür, warum auch vorchristliche Philosophen wie Sokrates oder Platon erstaunliche Teilwahrheiten über die Weltordnung erkannten – sie dachten schlicht im Licht des immanenten Logos.
Dennoch blieb diese philosophische Erkenntnis im Vergleich zur biblischen Offenbarung unvollständig.
Es war letztlich die fundamentale Erkenntnis der eigenen existenziellen Kontingenz – das Wissen um eine haltlose und vergängliche Schöpfung, die keinen Boden unter den Füßen hat.
Die Vollkommenheit des Logos liegt daher nicht in abstrakten Systemen, sondern in der historischen Person Jesu Christi, in der Schöpfung und Erlösung untrennbar zusammengehören.
02.
Das Gesetz
Das Gesetz ist die Bedingung für eine eigenständige Existenz. Ohne Gesetz würde die Schöpfung in Gott verschwimmen.
Sowohl Naturgesetz als auch moralisches Gesetz gehen zurück auf Gott.
Die Natur, die Materie lassen sich reduzieren auf Gesetze.
Für sich betrachtet haben Gesetze keinen Sinn oder Zweck. Man denke sich Gesetze, die sich auf sich selbst beziehen und nichts weiter.
Für das Bewusstsein haben die Gesetze einen Sinn, denn für das Bewusstsein bestimmen die Gesetze den Raum, in dem es wahrnehmen und handeln kann.
Ohne Gesetze gäbe es keine Tätigkeit, denn zur Tätigkeit gehört eine Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Die Art der Beziehung muss bestimmt sein und damit steht ein Gesetz.
Von der Ewigkeit her gibt es nur ein Gesetz und der Heilsplan ist vollbracht.
In der Zeit hat der Heilsplan eine Geschichte. Mit Jesus kam die Gnade, die sich auf alles erstreckt, auf Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Dem Gesetz nach sind wir alle Sünder, denn das Gesetz fordert absolute Perfektion und da unsere menschliche Beschaffenheit jedoch innerhalb der Zeit unvollkommen ist, wandelt sich das Gesetz ohne Retter in ein existenzielles Joch.
Es verdammt uns zu permanenten Schuldnern, die an ihrem eigenen Maßstab scheitern müssen und erzeugt ein Gefängnis aus Versagensangst und Verdammnis.
Wir bedürfen daher der Gnade, die nicht geschuldet, sondern gewährt wird, womit die Gnade nicht vom Mensch erwirkt, sondern von Gott gegeben wird.
Durch das Gesetz ist unsere Beschaffenheit, unsere Welt und die Art unserer Errettung bestimmt.
In Bezug auf Gott bleibt uns nur das Vertrauen darauf, dass durch Jesus die Erlösung gewährleistet ist, denn mit Jesus Christus kam die Gnade, die das Joch des Gesetzes zerbricht, ohne die Ordnung der Schöpfung aufzuheben.
Dies ist das Evangelium, daher die frohe Botschaft von der Erlösung.
03.
Die Sünde
Jeder Mensch ist ein Sünder. Die Menschheit ist eine Gemeinschaft der Sünder.
Der Mensch hat in dieser Welt gar nicht die Möglichkeit, nicht zu sündigen.
Wir sind geprägt durch die Sünden der Menschheit der Vergangenheit, denn wir übernehmen die Traumata der Familie, der nationalen und kulturellen Geschichte, die Vorurteile, die Irrtümer der Sitten, den Hass etc., und wir geben diese auch weiter an die Menschen, die nach uns kommen. Keine Familie, keine Gemeinschaft hat Bestand ohne kleine Lügen, ohne Priorisierung der Interessen auf Familie, Gemeinschaft und Nation.
Der Schrift nach soll des Menschen Rede sein:
37 Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel.
Matthäus 5,37
Dies bedeutet, dass der Mensch nicht mehr behaupten soll, als er kann, aber auch, dass er wahrhaftig sein soll. Denn wenn er mit "Ja" oder "Nein" auf eine Frage antworten kann, dann soll er auch mit "Ja" oder "Nein" antworten und nicht mit Relativierungen oder Ausflüchten.
Wahrhaftigkeit ist eine stets unterschätzte Eigenschaft. Klar zu artikulieren, wo man steht, damit der andere weiß, warum jemand das sagt, was er sagt, und gleiches Maß anzulegen, daher nicht bigott zu sein - dies ist Ausdruck von Wahrhaftigkeit.
Das gleiche Maß schließt jede moralische Privilegierung aus.
Wer für das eigene Fehlverhalten mildernde Umstände geltend macht, andere aber unbarmherzig verurteilt, bricht mit dieser Wahrhaftigkeit.
Daher gilt es, nicht zu schwören oder zu versprechen, sondern stattdessen die ehrliche Absicht des Bemühens zu fassen und zu artikulieren.
Wir wissen wenig, aber behaupten dennoch Dinge.
Wir sündigen fortwährend mit Wort und Tat und können dies auch nicht völlig vermeiden.
Jeder Mensch ist ein wenig eitel, ein wenig gierig, ein wenig triebhaft, es ist kein Mensch ohne Sünde, weder Maria, weder die Heiligen, noch die Apostel.
Aus dieser universellen Fehlbarkeit erwächst die Pflicht, den Nächsten mit demselben realistischen Maß zu messen wie sich selbst.
Es ist auch nicht gut für den Menschen, wenn er versucht, jede Sünde zu vermeiden. Besser ist es für den Menschen, wenn er danach strebt, das Gute zu tun.
Die Beschäftigung mit der Sünde ist schlecht, die Beschäftigung mit dem Guten ist gut.
Das Sakrament der Beichte hilft dem Menschen, mit der begangenen Sünde abzuschließen, damit er offen für die Beschäftigung mit dem Guten bleibt bzw. wird.
Es verlangt keine Selbstrechtfertigung, sondern das unbeschönigte Bekenntnis, um den Blick wieder frei für das Handeln zu machen.
Kein Mensch kann wissen, ob er wirklich im Inneren gut ist, denn der Mensch kann seine Inneres nicht betrachten. Der innere Mensch ist uns verborgen.
Dieses Thema des inneren Menschen findet man bei Paulus, Tarkovsky und bei Fichte, vermutlich auch noch in anderen philosophischen Betrachtungen.
Bei Paulus von Tarsus zeigt sich die fundamentale Spaltung im Brief an die Römer:
18 Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht.
19 Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
Römer 7,18-19
Die Freude am Guten verortet er dennoch im Kern:
22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inneren Menschen.
Römer 7,22
Über dieses Innere maßt sich Paulus kein abschließendes Urteil an:
3 Ich urteile auch selbst nicht über mich
4 [...] der Herr ist's aber, der mich beurteilt.
1. Kor 4,3–4
Johann Gottlieb Fichte radikalisiert diese Verborgenheit des Inneren in seiner Philosophie.
Das „reine Ich“ ist für den Verstand unbegreiflich, es entzieht sich der bloßen Betrachtung.
Sichtbar und erfahrbar wird der innere Mensch bei Fichte erst durch die Tat und im absoluten Anspruch des Gewissens.
Das Gewissen duldet kein intellektuelles Abwägen und keine Ausflüchte; es meldet sich unmittelbar als Gefühl der Pflicht. Wer anfängt zu relativieren, um die eigene Pflicht zu umgehen, betrügt diese innere Stimme.
Für Fichte zählt im moralischen Handeln nicht der fehlerfreie Erfolg in der Welt, sondern die absolute Aufrichtigkeit im Prüfen der eigenen Absicht – das ehrliche Bemühen.
Andrei Tarkowski übersetzt diese Unergründlichkeit des inneren Menschen in die Kunst.
In seinem Film Stalker reisen die Protagonisten zu einem Raum, der den tiefsten, wahrsten Wunsch eines Menschen erfüllt.
Vor der Schwelle bricht die Bigotterie der Figuren zusammen. Sie erkennen, dass der Raum sich nicht durch moralische Behauptungen, Worte oder edle Absichten täuschen lässt.
Er erfüllt das, was der Mensch im verborgenen Inneren tatsächlich begehrt – einschließlich seiner Gier und Eitelkeit.
Die Männer weigern sich schließlich, den Raum zu betreten. Sie weichen zurück, weil sie die absolute Wahrhaftigkeit über sich selbst nicht ertragen und lieber mit der Relativierung ihrer Lebenslügen weiterleben.
Wahrhaftigkeit erweist sich somit als der Verzicht auf jede Selbstrechtfertigung.
Sie fordert, das unbestechliche Gewissen anzunehmen, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen und aufzuhören, mit zweierlei Maß zu messen.
Erst in dieser Offenheit beginnt die eigentliche Hinwendung zum Guten.
18 Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht.
19 Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
20 Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.
21 Ich finde also das Gesetz, dass bei mir, der ich das Gute tun will, (nur) das Böse vorhanden ist.
22 Denn ich habe nach dem inneren Menschen Wohlgefallen am Gesetz Gottes.
23 Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
24 Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes? –
25 Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Also diene ich nun selbst mit dem Sinn dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.
Römer 7,18-25
Obwohl der Mensch sündigt, kann er dennoch das Gute anstreben. Dass wir also allzeit nicht resignieren, weil wir ja noch sündigen, sondern weiter nach dem Guten streben, ist das einzige, was wir tun können. Und das einzige, was wir wissen können, ist, dass die Gnade Gottes da übergroß ist, wo die Sünde übergroß ist.
Selbst wenn wir nicht wissen, ob wir das Gute seiner selbst wegen wollen, ist dies die einzige Möglichkeit des Menschen, den Heilsplan und Gottes Willen zu bejahen.
Die Frage, ob man das Gute deswegen tut, weil man sich dabei gut fühlt oder ob man es um seiner selbst willen tut, bringt den Menschen nicht weiter. Die Entscheidung für das Gute ist das, was getroffen werden soll bzw. muss.
Selbst wenn wir durch unseren Willen also nicht direkt sicherstellen können, dass wir damit das Heil erlangen, wir uns also nicht selbst erretten können, bleiben wir moralisch verpflichtet.
Die Unfähigkeit des Menschen, sein Heil selbst zu erwirken, da kein Mensch vor dem Gesetz als Gerechter bestehen kann, ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir auf Gottes Gnade vertrauen können, der uns erretten will.
Röm 5,20 Das Gesetz aber ist hinzugekommen, damit die Übertretung mächtiger werde; wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.
Röm 5,21 Denn wie die Sünde herrschte und zum Tod führte, so soll auch die Gnade herrschen und durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben führen, durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Römer 5,20-21
Jesus weist in Markus 10,18 mit der Frage „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein“ darauf hin, dass absolute Güte allein bei Gott liegt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs macht er deutlich, dass die Rettung für Menschen aus eigener Kraft unmöglich ist, bei Gott jedoch alles möglich bleibt (Markus 10,27).
Wenn Jesus im Markusevangelium betont, dass niemand gut sei außer Gott allein, spiegelt dies im theologischen Kontext der Kenosis (Selbstentäußerung) seine bewusste Einreihung in die menschliche Begrenztheit wider.
Er beansprucht im Fleisch keine isolierte, göttliche Autonomie für sein irdisches Ego, sondern verweist ganz auf den Vater.
Diese existenzielle Verwurzelung im Menschsein ist die zwingende Voraussetzung für die Berichte über die Versuchung in der Wüste und das Ringen im Garten Gethsemane. Eine Versuchung kann psychologisch und moralisch nur dort stattfinden, wo eine prinzipielle Empfänglichkeit und die Freiheit zur Alternative existieren.
Wäre Jesus durch seine göttliche Natur immun gegen Hunger, Macht oder Zweifel gewesen, besäßen diese Erzählungen keinen ethischen Gehalt.
Der Hebräerbrief bestätigt diese Verwundbarkeit mit dem Hinweis, er sei „in allem versucht worden wie wir“.
Das Konzil von Chalcedon versuchte dieses Paradoxon im Jahr 451 dogmatisch zu lösen, indem es festlegte, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person sei.
Die entscheidende Formel lautet, dass die göttliche und die menschliche Natur „unvermischt“ und „ungetrennt“ koexistieren.
Für die Frage der Willensfreiheit bedeutet dies:
Die göttliche Natur hat das menschliche Bewusstsein, die Angst oder den Schmerz Jesu nicht betäubt oder überschrieben.
Auf späteren Konzilien wurde präzisiert, dass Jesus zwei Willen besaß.
Sein schmerzhafter Heilsweg war somit das Resultat einer fortlaufenden, freien Entscheidung, bei der sein menschlicher Wille nicht mechanisch funktionierte, sondern sich im Angesicht des Leidens dem göttlichen Willen unterordnete.
Moderne Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts wie Karl Rahner oder Edward Schillebeeckx übersetzen diese antike Metaphysik in eine dynamische Psychologie. Sie betonen eine „Christologie von unten“, die beim historischen, fehlbaren und lernenden Menschen ansetzt.
Jesus wird hier nicht als allwissender Gott im Fleischanzug verstanden, sondern als ein Mensch mit echtem Bewusstsein, der im Glauben ringen und versucht werden konnte.
Seine Sündlosigkeit wird in der Moderne daher nicht als biologische Unfähigkeit zur Sünde interpretiert, sondern als die perfekt gelebte, freie Beziehungsqualität und Treue zu Gott unter realen menschlichen Bedingungen.
04.
Das Gewissen
Jeder Mensch erfährt das Gewissen als etwas aus seinem Inneren. Der Philosoph Immanuel Kant beschrieb dies später als das „Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen“.
Durch den freien Willen hat der Mensch eine Autonomie innerhalb des gesellschaftlichen und natürlichen Rahmens; ein Zustand, den der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer als den Ruf des Gewissens zur eigenen Autonomie begriff.
Ohne die Offenbarung wäre die Bestimmung des Menschen nun die Selbstverwirklichung des inneren und guten Menschen. Mit der Offenbarung jedoch weiß der Mensch, dass seine Bestimmung über das Gewissen hinweg die Harmonie mit Gott ist.
Wie Augustinus treffend schrieb: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“
Gottes Gesetz und der Wille des inneren Menschen sind in dieser Harmonie eins. Da der inneren Freiheit des Menschen jedoch die äußere Bindung an die Welt entgegengesetzt ist, bedarf er der Erlösung durch die Gnade.
Dieses Dilemma formulierte bereits der Apostel Paulus im Römerbrief: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“
Es gibt ein äußeres Gesetz Gottes, welches die Schöpfungs- und Naturgesetze als seine Ordnung über die Welt darstellt, und ein inneres Gesetz, welches die Gebote sind.
Da diese moralischen Gebote unbedingt gelten, der Mensch aber in den unerbittlichen Strukturen dieser weltlichen Ordnung leben muss – wo Selbsterhaltung, Endlichkeit und gesellschaftliche Zwänge herrschen –, kann er in dieser Welt die Sünde nicht vermeiden.
Der Mensch muss permanent abwägen, welche Sünde schwerer wiegt. In diesem unlösbaren Konflikt erfährt er die existentielle Härte des göttlichen Rechts; eine Realität, die der Hebräerbrief in der drastischen Warnung zusammenfasst:
31 Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen
Hebr 10,31
Dem unvollkommenen Handeln des Menschen begegnet hier das absolute moralische Urteil, oder wie der evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth es radikal formuliert: „Der Zorn Gottes ist das Nein, das Gott über diese Welt und über den Menschen in dieser Welt spricht.“
Damit eine uneingeschränkte Befolgung des Gewissens möglich ist und der Mensch diesem göttlichen Nein entkommt, bedarf es nämlich zweierlei: Eine andere Welt – jenen „neuen Himmel und eine neue Erde“, von denen die Johannes-Apokalypse spricht – und einen anderen Menschen, der, im Sinne Bonhoeffers, nicht mehr versucht, sich selbst moralisch zu optimieren, sondern der durch die Gnade und Erlösung fundamental verwandelt wurde.
05.
Der Glaube
Was Glaube ist, wird im neuen Testament an lediglich einer Stelle definiert:
Hebräer 11,1 Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.
(Elberfelder Bibel)
Im weiteren wird der Glaube oft durch seine Auswirkungen gekennzeichnet:
Jakobus 2,17 So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.
(Der Glaube ist untrennbar mit dem Handeln verbunden.)
Galater 5,6 ...der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“
(Das Handeln des Glaubens ist tätige Liebe.)
Hebräer 11,6 Aber ohne Glauben ist's unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn geben wird.
(Ohne Glauben keine Verbindung zu Gott.)
Paulus (z. B. Römer & Galater) betont, dass der Mensch allein durch den Glauben gerecht wird, während Jakobus (Jakobusbrief) schreibt, dass der Glaube ohne Werke tot ist.
Paulus kämpfte in seinen Briefen (besonders im Römer- und Galaterbrief) gegen die Ansicht, dass man jüdische Gesetze und Rituale (wie die Beschneidung) einhalten muss, um von Gott angenommen zu werden.
Für Paulus ist Glaube (pistis) kein bloßes Fürwahrhalten, sondern ein Sich-ganz-auf das-Opfer-Jesu-am-Kreuz-Verlassen:
Röm 3,28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Römer 3,28
Gute Werke sind für Paulus die Folge der Rettung, nicht die Voraussetzung.
Für Jakobus zeigt sich der Glaube in der gelebten Tat.
Jakobus schreibt an Christen, die bereits an Jesus glaubten, sich aber theologisch darauf ausruhten. Sie dachten: „Ich glaube ja, also muss ich mein Leben nicht ändern.“
Jakobus kritisiert einen „Glauben“, der nur aus Lippenbekenntnissen und dem richtigen Aufsagen von Glaubenssätzen besteht, denn selbst die Dämonen glauben, dass es nur einen Gott gibt – und zittern (Jakobus 2,19). Das rettet sie aber nicht. Glaube muss sich in der Tat verwirklichen:
20 Willst du aber einsehen, du eitler Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?
Jakobus 2,20
Ein Glaube, der das Leben eines Menschen nicht verändert, ist kein gelebter Glaube. Er ist „tot“. Gute Werke sind für Jakobus der Beweis für den rechten Glauben.
Paulus sagt: Du wirst nicht durch gute Taten gerettet, sondern nur durch Vertrauen auf Gott.
Jakobus sagt: Wenn du wirklich vertraust, wird man das an deinen Taten sehen.
Es scheint also zunächst klar zu sein: Erst muss der Glaube sein, dann soll die gute Tat folgen.
Wie kann man aber an Gott glauben, wenn man ihn nicht kennt, oder muss man ihn erst kennen, um an ihn zu glauben?
Augustinus beantwortet die Frage so: "Ich glaube, um zu verstehen." Man muss Gott nicht kennen, um ihn zu verstehen, da man Gott mit dem Verstand nicht fassen kann, sondern sich nur in der Glaubensbeziehung zu ihm annähern kann.
Ich denke, dass man diese Frage aber auch so angehen kann:
Wer an Wahrheit und Liebe glaubt, glaubt an Eigenschaften, die das Wesen Gottes bilden.
Das Neue Testament setzt diese Werte sogar direkt mit Gott gleich.
Gott ist Liebe:
In Johannes 4,16 heißt es: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm."
Gott ist Wahrheit:
Jesus sagt von sich selbst in Johannes 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“
Wenn man also an diese Werte glaubt, glaubt man an das, was Gott ausmacht und an das, was von ihm kommt.
Wie gelangt man nun von der Liebe zu diesen abstrakten Dingen, zu einer personellen Beziehung zu Gott?
Zunächst:
Das Neue Testament – und besonders der Apostel Paulus im Brief an die Römer, Kapitel 2 – äußert sich sehr differenziert und wertschätzend über Menschen, die Gott (oder das jüdische Gesetz) nicht kennen, aber dennoch moralisch gut handeln.
Das „Gesetz im Herzen“ (Römer 2,14-16)
In Römer 2 beschreibt Paulus, dass Menschen, die die biblischen Gebote überhaupt nicht kennen, oft ganz intuitiv das Richtige tun.
Er erklärt das mit dem menschlichen Gewissen:
Röm 2,14 Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz.
Röm 2,15 Sie beweisen damit, dass das Werk des Gesetzes in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen auch, dazu ihre Gedanken, die sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen...“
(Römer 2,14-15)
Daher:
Gott hat sich in jeden Menschen "hineingelegt". Auch wer noch nie eine Bibel gelesen hat, besitzt dennoch ein Gewissen.
Folglich:
Wenn Menschen dem Gewissen folgen, der Liebe und der Wahrheit folgen, tun sie damit das, was Gott von uns erwartet:
Röm 2,26 Denn vor Gott sind nicht die gerecht, die das Gesetz hören, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht gesprochen werden.“
Römer 2,26
Wenn also ein „Unbeschnittener“ (ein Nicht-Gläubiger) die moralischen Forderungen des Gesetzes erfüllt, zählt das vor Gott mehr als das bloße Lippenbekenntnis eines religiösen Menschen.
Dies wird auch im Gleichnis vom Weltgericht deutlich (Matthäus 25,31-46): Jesus beschreibt dort, dass am Ende der Zeiten Menschen gerettet werden, die Hungrige gespeist und Fremde aufgenommen haben.
Diese Menschen wussten gar nicht, dass sie damit Gott gedient haben. Sie fragen Jesus erstaunt: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben?“ Jesus antwortet: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Gutes Tun an Mitmenschen wird hier mit dem Dienst an Gott gleichgesetzt.
In der Rede auf dem Areopag-Hügel in Athen spricht Paulus zu Menschen, die an viele griechische Götter glauben.
Er lobt ihre Sehnsucht nach dem Göttlichen und sagt, dass Gott jedem Menschen das Leben gibt, damit sie ihn suchen, „ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden von uns.“ (Apostelgeschichte 17,22-28).
Schließlich also:
Menschen, die Gott nicht kennen, aber das Gute und die Liebe leben, handeln nach dem Willen Gottes, weil Gott die Quelle dieses Guten ist. Ihr Gewissen und ihre Taten zeigen, dass Gottes Geist in ihnen wirkt, selbst wenn sie (noch) keinen Namen für ihn haben.
Hier verorte ich auch dann auch das Konzept des „anonymen Christen“ des katholischen Theologen Karl Rahner.
Rahner argumentierte, dass Gottes Gnade und Liebe universell sind. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden (1. Timotheus 2,4).
Wenn nun ein Mensch – egal ob Buddhist, Atheist oder Agnostiker – sein Leben in aufrichtiger Liebe, Aufopferung für andere und im Hören auf sein Gewissen lebt, dann nimmt er in diesem Handeln (oft unbewusst) Gottes Gnade an.
Dieser Mensch lebt dann bereits in einer tiefen Beziehung zu Gott, auch wenn er es selbst nicht so nennt. Er ist „anonym“ (unerkannt) ein Christ, weil in ihm der Geist Christi wirkt.
Rahner berief sich dabei stark auf das bereits erwähnte Gleichnis vom Weltgericht, in dem Menschen von Jesus gerettet werden, die überrascht fragen: „Herr, wann haben wir dich speisen sehen?“ Sie waren Christen, ohne es zu wissen.
Der anonyme Christ lebt jedoch in einem Zustand des Suchens und Ahnens. Durch die Offenbarung, durch das Evangelium, wird diese Sehnsucht durch Jesus Christus erfüllt.
Im Lumen Gentium (Art. 16) wurde dieser Gedanke festgehalten: „Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber von herzen sucht und seinen durch das Diktat des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in den Taten zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen.“
Für christliche Mystiker (wie Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz oder Teresa von Ávila) war der Glaube an Gott niemals eine bloßes Fürwahrhalten von Dogmen.
Aus Sicht der Mystik glaubt ein Mensch dann an Gott, wenn er Gott im eigenen Inneren unmittelbar erfährt und damit mit ihm eins wird.
Die Mystiker heben die Trennung zwischen dem „Glauben an das Gute“ und dem „Glauben an Gott“ gänzlich auf.
Der Mystiker Meister Eckhart (1260–1328) lehrte, dass im tiefsten Inneren der menschlichen Seele ein „Fünklein“ oder der „Seelengrund“ existiert. Dieser Grund ist unerschaffen und eins mit Gott.
Jemand glaubt nicht erst dann an Gott, wenn er ein religiöses Buch liest, sondern wenn er in die Stille geht, und diesen göttlichen Funken in sich selbst sucht.
Gott gebiert sich im Menschen: Für Eckhart ist der Glaube ein lebendiger, innerer Prozess, bei dem Gott im Menschen geboren wird. Wer die Liebe lebt, lässt Gott durch sich handeln.
Wenn ein Mensch bedingungslose Liebe, tiefe Wahrheit oder echte Gerechtigkeit erfährt und lebt, dann berührt er bereits Gott.
Die Mystik sagt: Die Liebe ist nicht bloß eine Eigenschaft Gottes – Gott ist das Ereignis der Liebe selbst. Wer also der Wahrheit und der Liebe folgt, praktiziert bereits den tiefsten mystischen Glauben, selbst wenn sein Verstand noch an der Existenz eines traditionellen „Gottesbildes“ zweifelt.
Nach dem Mystiker Johannes vom Kreuz (1542–1591) führt der Reifeprozess des Glaubens oft durch eine Phase, die er die „Dunkle Nacht der Seele“ bezeichnete.
In dieser Phase verliert ein Mensch alle seine bisherigen Vorstellungen von Gott. Die alten Dogmen, Gebete und Bilder fühlen sich plötzlich leer an.
Dieser Zustand ist dann aber kein Unglaube, sondern ein neues Stadium des Glaubens.
Erst wenn der Mensch seine menschengemachten Bilder von Gott loslässt (die ihn oft nur einengen), wird er frei für die tatsächliche, unbegreifliche Gegenwart Gottes.
Es glaubt demnach bereits jener an Gott, der sein oberflächliches Ich überwindet und sich für die unendliche Liebe öffnet.
Der gleiche Gegensatz, den man Paulus folgend, im inneren und äußeren Menschen verorten kann.
Bei Paulus kann der innere Mensch den äußeren Mensch nicht überwinden, bei den Mystikern war dies das Ziel.
Wichtig für meine weiteren Betrachtungen ist jedoch nicht, dass dieser Gegensatz im Diesseits von uns überwinden werden kann, sondern, dass man diesen Gegensatz wahrnehmen und sich entscheiden kann und das in dieser Entscheidung bereits ein Glaube an Gott seinen Anfang nimmt.
06.
Die Rettung
Es ist schwierig zu sagen, ob eine Rettung aller Menschen (auch bekannt als Allversöhnung oder Apokatastasis) mit der Schrift begründbar ist.
Es gibt sowohl Verse, die eine allumfassende Rettung andeuten, als auch Verse, die von einer endgültigen Trennung (Gericht/Verdammnis) sprechen.
Zunächst einmal eine Übersicht über Bibelstellen die dafür und solche, die gegen eine Apokatastasis sprechen.
Für eine Rettung aller:
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter,
4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
1. Timotheus 2,3-4
Foglich:
Da Gott allmächtig ist und will, dass alle gerettet werden, wird er am Ende auch alle retten.
Röm 5,18 Wie es nun durch die Übertretung des Einen [Adam] für alle Menschen zur Verdammnis kam, so kommt es auch durch die Gerechtigkeit des Einen [Christus] für alle Menschen zur Rechtfertigung, die Leben gibt.
Römer 5,18
22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus auch alle lebendig gemacht werden
Korinther 15,22
2 Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
Johannes 2,2
10 ...damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge [...]
11 und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Philipper 2,10-11
Gegen eine Rettung aller:
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Johannes 14,6
16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
Markus 16,16
46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
Matthäus 25,46 (Das Gleichnis von den Schafen und Böcken)
15 Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.
Offenbarung 20,15 (Das Endgericht)
Da sich diese Verse scheinbar widersprechen, gibt es im Christentum drei verschiedene Sichtweisen.
Die exklusive Sicht (Partikularismus)
Gott bietet die Rettung zwar allen an (1. Joh 2,2), aber sie wird nur für die wirksam, die im irdischen Leben bewusst an Jesus glauben. Die Warnungen vor der Verdammnis werden wörtlich genommen.
Die Allversöhnung (Universalismus)
Die Verse über die universelle Rettung zeigen Gottes endgültigen Sieg. Die Gerichtstexte werden nicht als „ewige Verdammnis“ interpretiert, sondern als ein reinigendes, zeitlich begrenztes Gericht (ähnlich einem Läuterungsfeuer), nach dem am Ende jeder Mensch zu Gott findet.
Die „Hoffnung für alle“ (z. B. Karl Barth, Hans Urs von Balthasar)
Diese Theologen sagen: Wir können es nicht dogmatisch beweisen, weil die Bibel beide Linien enthält. Aber wir dürfen und sollen darauf hoffen und dafür beten, dass Gottes Liebe am Ende so groß ist, dass er jeden Menschen rettet.
Gewichtig ist dabei, wie das altgriechische Wort „aiōnios“ (αἰώνιος) übersetzt/ausgelegt wird. Je nachdem, wie man dieses eine Wort übersetzt, ändert sich auch das biblische Bild vom Jenseits.
In den meisten Bibelübersetzungen wird aiōnios pauschal mit „ewig“ übersetzt (im Sinne von unendlich, zeitlos, niemals endend).
Sprachwissenschaftlich und im historischen Kontext des Neuen Testaments hat das Wort jedoch eine viel nuanciertere Bedeutung.
Die Herkunft des Wortes: Der „Äon“aiōnios ist das Adjektiv zum Substantiv aiōn (αἰών). Ein Aiōn bedeutet im Griechischen „Zeitalter“, „Epoche“ oder „Lebensspanne“ – also ein Zeitraum, der einen klaren Anfang und ein klares Ende hat.
Wird das Adjektiv aiōnios streng von seiner Wurzel her übersetzt, bedeutet es nicht „unendlich“, sondern„ein Zeitalter dauernd“.
Wenn man aiōnios mit „zeitalterlich“ oder „das kommende Zeitalter betreffend“ übersetzt, dann lesen sich die Bibelstellen anders.
Matthäus 25,46 (Standardübersetzung)
46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
Matthäus 25,46 (Wörtlich nach dem Äonen-Verständnis)
46 Und sie werden hingehen zur Strafe/Züchtigung des kommenden Zeitalters, die Gerechten aber in das Leben des kommenden Zeitalters.
Eine Strafe des kommenden Zeitalters hat ein Ende, sobald dieses Zeitalter vorbei ist.
Zudem steht im Griechischen für „Strafe“ das Wort kolasis, was historisch eine „Züchtigung zur Besserung“ (wie das Beschneiden eines Baumes, damit er besser wächst) bezeichnete und keine reine Vergeltung ohne Zweck.
Jedoch:
Das Wort aiōnios wird im selben Satz sowohl für die Strafe als auch für das Leben der Gerechten verwendet.
Wenn die Strafe der Gottlosen nicht unendlich ist, weil aiōnios nur ein Zeitalter meint, müsste dann nicht folglich auch das Leben der Gerechten irgendwann enden?
Allerdings:
Das „Leben des kommenden Zeitalters“ bezieht seine Unendlichkeit nicht aus dem Wort aiōnios, sondern daraus, dass es das Leben Gottes selbst ist – und Gott ist laut anderen Bibelstellen unvergänglich. Das Wort beschreibt hier also eher die Qualität (göttliches Leben) als die bloße Quantität (Dauer).
Folglich:
Das Gericht Gottes ist ein formender bzw. erzieherischer Akt, ein reinigender Prozess, der zwar schmerzhaft ist und ein ganzes Zeitalter (oder eine Epoche) dauern kann (aiōnios), aber letztlich das Ziel hat, den Menschen zu läutern und zu Gott zurückzuführen.
Irenäus von Lyon (ca. 130–202 n. Chr.), ein Kirchenvater der frühen Kirche und Schüler von Polycarp, der wiederum direkt vom Apostel Johannes ausgebildet worden war, entwickelte die sogenannte Rekapitulationstheorie (Anakephalaiosis). Er war davon überzeugt, dass Jesus Christus die gesamte Menschheitsgeschichte und die Schöpfung „von hinten aufgerollt“ und geheilt hat.
Der neue Adam: Was der erste Adam durch Ungehorsam und Sünde zerstört hat, hat Jesus als „neuer Adam“ in seinem Gehorsam bis zum Kreuz neu durchlebt und damit die Beziehung zu Gott wiederhergestellt.
Da Gott die materielle Welt gut erschaffen hat, glaubte Irenäus, dass Christus am Ende alles in sich zusammenfassen und erneuern wird.
Das Böse als Reifeprozess (Irenäische Theodizee)
Nach Irenäus sind wir auf Erden, um uns zu entwickeln. Daher anhand des Bösen in der Welt und des Bösen in uns zur Erkenntnis zu gelangen, dass wir das Böse nicht wollen, und uns dann zu ändern.
Notwendigkeit des Guten und Bösen:
Um wirklich gut zu werden, muss der Mensch den freien Willen haben und den Unterschied zwischen Gut und Böse aus eigener Erfahrung lernen.
Das Leid und die Welt sind für ihn wie eine „Schule der Seele“, in welcher der Mensch lernt, Gott aus freien Stücken zu lieben und in sein Bild hinein zu reifen.
Nach der irenäischen Sichtweise erschafft Gott den Menschen nicht als fertiges, perfektes Wesen, sondern in zwei Phasen:
Stufe 1 (Bild Gottes): Der Mensch wird als biologisches, intelligentes Wesen mit freiem Willen erschaffen. Er ist aber moralisch und spirituell noch unreif.
Stufe 2 (Gleichnis Gottes): Der Mensch muss sich durch eigene Entscheidungen, Prüfungen und Erfahrungen in das moralische Ebenbild Gottes hineinentwickeln.
Damit ist das Leid ein notwendiges Übel.
Eine perfekte Welt ohne Leid würde die moralische Entwicklung des Menschen unmöglich machen.
Wenn es keinen Hunger gibt, kann man keine Großzügigkeit oder Opferbereitschaft zeigen.
Wenn niemand leidet, ist Mitgefühl unmöglich.
Die Welt ist eine Schule für die Seele. Die Erde ist kein „Paradies der Bequemlichkeit“.
Der presbyterianische Theologe und Religionsphilosoph John Hick schrieb, dass das Leben kein "hedonistisches Paradies", sondern eine moralische Schule ist.
Das Leid ist das Reibungsmaterial, an dem unsere Seele wächst.
Nach John Hick dient die Welt als Trainingsstätte für die Seele, die eine vom Schöpfer unabhängige, verlässliche Struktur besitzen muss. Er nannte dies eine „autonome Umwelt“. Damit der Mensch wirklich die freie Wahl hat, gut zu sein, darf nach Hick Gottes Existenz nicht absolut unumstößlich beweisbar sein. Wäre Gott für jeden Menschen physisch sichtbar und seine Macht allgegenwärtig, würden wir das Gute nur aus Angst vor Strafe oder egoistischer Berechnung tun.
Gott hält sich bewusst im Hintergrund, damit der Mensch Raum hat, aus freiem Willen und echter Liebe zum Guten zu kommen (Epistemische Distanz).
Wenn Freiheit nur in einer Welt mit unabänderlichen Naturgesetzen existieren kann, dann muss Gott zulassen, dass diese Gesetze bis zu den bitteren, extremen Konsequenzen wirken.
Naturgesetze sind blind:
Die Schwerkraft, die uns auf dem Boden hält, sorgt auch dafür, dass Stürze schmerzhaft sind.
Die Zellteilung, welche die Entwicklung höheren Lebens ermöglicht, ermöglicht ebenso auch Mutationen wie Krebs.
Würde Gott das Ausmaß des Leids begrenzen, gäbe es keine verlässlichen Naturgesetze mehr. Die Welt würde unberechenbar werden. Ohne verlässliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge könnten Menschen aber keine bewussten, freien Entscheidungen mehr treffen.
Wenn Gott nicht in die Freiheit der Menschen eingreift, dann kann er auch das Leid nicht stoppen, das Menschen einander zufügen.
Ungleiche Lebensbedingungen und Traumata sind fast immer das Resultat menschlicher Entscheidungen über Generationen hinweg (Kriege, Armut, Ausbeutung, psychologische Muster in Familien).
Würde Gott eingreifen, um die Startbedingungen für jeden Menschen gerecht (fair) zu gestalten, müsste er die Freiheit der Täter massiv einschränken oder deren Konsequenzen im Jenseits abfangen.
Indem er das nicht tut, respektiert er die Freiheit des Menschen.
Das Leid ist dann nicht Gottes „unfairer Lehrplan“, sondern das tragische, aber logische Ergebnis menschlicher Autonomie in einer Welt, in der sich die Dinge gegenseitig bedingen .
Gott ist nicht wie ein Lehrer in einer Schule, der jedem Schüler eine maßgeschneiderte, pädagogische Prüfung zuteilt.
Stattdessen hat Gott einen verlässlichen, autonomen Rahmen (die Naturgesetze) geschaffen, in dem echte Freiheit überhaupt erst möglich ist.
Das Leid ist in diesem System kein Selbstzweck, sondern der unvermeidbare Preis für Freiheit.
Die Seelenbildung geschieht dadurch, wie wir Menschen innerhalb dieses unerbittlichen Rahmens aufeinander reagieren – ob wir uns für die Liebe und das Gute entscheiden oder nur unseren Trieben und unseren Eigeninteressen folgen.
Daher, wie Paulus es ausdrückt: ob man dem inneren Menschen oder dem Äußerlichen folgt:
Röm 7,22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
Römer 7,22
Der Philosoph Richard Swinburne argumentiert, dass Menschen nur dann freie, moralische Entscheidungen treffen können, wenn sie die Konsequenzen ihrer Taten im Voraus kennen.
Woher kommt dieses Voraus-Wissen?
Wir wissen nur deshalb, dass ein Feuer einen Mitmenschen verbrennt und ihm schreckliches Leid zufügt, weil wir beobachten können, dass Feuer verbrennt und Schmerz verursacht. Daher aus Erfahrungen und den Schlüssen, die wir daraus ziehen. Aus Empirie und Theorie, die ohne Allgemeingültigkeit der Naturgesetze nicht möglich wären.
Gäbe es keine Krankheiten oder Naturkatastrophen in einer festgelegten Naturordnung, hätten wir Menschen laut Swinburne niemals das notwendige Wissen erlangen können, um überhaupt zu lernen, wie man Schaden anrichtet oder ihn verhindert. Wir wüssten nicht, welche Konsequenzen unsere Handlungen haben.
Gott muss die Gesetze der Natur ihren Lauf lassen, damit wir freie Akteure sein können, die aus Tat und Folge lernen können.
Nach dem analytischen Philosophen kann auch ein allmächtiger Gott nichts tun, was in sich logisch widersprüchlich ist. Er kann also keinen Stein erschaffen, den er nicht zu heben vermag, und ist dennoch in obigen Sinne allmächtig.
Es ist logisch unmöglich, Wesen zu erschaffen, die absolut frei sind (sich also auch gegen das Gute entscheiden können), und gleichzeitig gewährleisten, dass sie niemals Böses tun oder Leid verursachen.
Sobald Gott eingreift, um die Konsequenzen einer Tat oder eines Naturgesetzes zu verhindern, hebt er die Freiheit im selben Moment auf. Leid ist daher kein Konstruktionsfehler Gottes, sondern die logische Konsequenz einer Welt, die auf verlässlichen Gesetzen aufbaut, um freien Kreaturen Raum zur Entfaltung zu geben.
Ist eine solche Seelenbildung auch nach dem Tod möglich?
1. John Hick
Für Hick ist die unendliche Fortsetzung der Schule und eine letztendliche Allversöhnung die logische und zwingende Konsequenz der Irenäus-Theodizee.
Mehrere Welten:
Nach Hick ist das Jenseits kein statischer Ort (wie der traditionelle Himmel), sondern eine Abfolge von weiteren Welten oder Existenzebenen.
Fortdauernde Autonomie:
Auch in diesen jenseitigen Welten gibt es wieder eine „autonome Umwelt“ mit verlässlichen Gesetzmäßigkeiten und epistemischer Distanz zu Gott. Die Seele reift dort unter neuen Bedingungen weiter.
Das unausweichliche Ziel:
Da Gott unendlich geduldig ist und der Reifeprozess im Jenseits zeitlich nicht begrenzt ist, wird am Ende jeder Mensch aus freien Stücken das Gute und Gott wählen.
Das Jenseits ist bei Hick also eine Fortsetzung der Schule mit dem garantierten Erfolg für jeden Schüler.
2. Richard Swinburne:
Das Jenseits als Fixierung des Charakters
Swinburne nimmt als orthodoxer (anglikanischer/östlich-orthodoxer) Philosoph eine andere Position ein. Er lehnt die Allversöhnung ab und betont die Tragweite der irdischen Freiheit.
Der freie Wille formt den Charakter:
Swinburne argumentiert, dass wir durch jede freie Entscheidung auf der Erde unseren Charakter formen. Wer sich auf der Erde immer wieder bewusst gegen das Gute entscheidet, macht es sich selbst immer schwerer, jemals wieder gut zu werden.
Die finale Fixierung:
Für Swinburne ist der Tod der Punkt, an dem der Charakter eines Menschen kondensiert und fixiert wird.
Wer Gott und das Gute im irdischen Leben radikal ablehnt, wird dies auch im Jenseits so tun.
Hölle als Respekt vor der Freiheit:
Gott zwingt diesen Menschen im Jenseits nicht zur Reifung.
Die Hölle ist für Swinburne kein Ort der Folter, sondern der Ort, an dem Gott den Menschen in seiner gewählten Isolation belässt. Seelenbildung findet im Jenseits also nur für die statt, die sich auf der Erde bereits grundlegend für das Gute geöffnet haben.
3. Alvin Plantinga:
Das Mysterium der unendlichen Möglichkeiten
Plantinga, als reformierter (calvinistischer) Philosoph, äußert sich sehr zurückhaltend über die genaue Beschaffenheit des Jenseits, legt aber das logische Fundament dafür, warum eine postmortale Reifung nicht zwingend für alle erfolgreich sein muss.
Transweltliche Depravation:
Nach Plantinga ist es möglich, dass manche freien Wesen in jeder möglichen Welt, die Gott erschaffen könnte, sich für die Sünde entscheiden.
Übertragen auf das Jenseits bedeutet das: Selbst wenn Gott im Jenseits neue Welten zur Reifung anbietet, gibt es keine logische Garantie, dass eine Seele dort reift.
Ein freies Wesen könnte sich auch in der jenseitigen Schule ewig verweigern.
Plantinga hält die Allversöhnung daher philosophisch für nicht beweisbar und betont, dass das Jenseits ein Geheimnis bleibt, in dem Gottes Gerechtigkeit und Gnade perfekt balanciert sind.
1. Irenäus von Lyon
In der Theologie von Irenäus von Lyon bilden Körper und Seele eine untrennbare Einheit.
Er widersprach den Gnostikern seiner Zeit, welche die materielle Welt und den menschlichen Körper abwerteten oder als böse ansahen.
Für Irenäus ist der Körper ein von Gott geschaffenes, gutes Werk, das fest zum Menschen gehört.
Aus dieser schöpfungsbejahenden Haltung heraus formuliert er im zweiten Jahrhundert seinen Glauben an die leibliche Auferstehung: „Das aber ist unser Glaube, daß Gott auch unsere sterblichen Leiber, die die Gerechtigkeit bewahrten, auferwecken, unversehrbar und unsterblich machen wird. Denn Gott ist mächtiger als die Natur. Er will es, weil er gut ist; er kann es, weil er mächtig ist; er tut es, weil er unendlich gütig ist.“ (Gegen die Häresien, II, 29, 2)
Dieses Zitat zeigt seinen Kerngedanken:
Die Rettung durch Gott meint nicht nur eine geistige Seele, sondern den ganzen Menschen mit seinem Körper. Die Naturgesetze und die Verwesung des Fleisches sind für Gott kein Hindernis.
Seine Hoffnung gründet darin, dass Gottes Allmacht und seine Güte zusammengehören:
Weil Gott gütig ist, will er den Menschen ganz retten, und weil er allmächtig ist, hat er auch die Kraft dazu.
Dieser Gedanke von Gottes unendlicher Güte und Macht führt in der frühen Kirche fast von selbst weiter zu einer großen Hoffnung: der Allversöhnung oder der Rettung aller Menschen.
Wenn Gottes Liebe grenzenlos ist und seine Macht alles übersteigt, dann ist er auch mächtiger als die menschliche Sünde und Zerrüttung.
Frühe christliche Denker wie Origenes oder Gregor von Nyssa haben diesen Faden weitergesponnen. Sie waren überzeugt, dass ein Gott, der das Heil aller will und der die Macht dazu hat, am Ende kein einziges Geschöpf für immer verloren gehen lässt.
Die Gedanken von Irenäus über die Wiederherstellung der Schöpfung stützen diesen Glauben, dass Gottes Liebe am Ende der Zeiten vollständig siegt und alles mit sich versöhnt.
07.
Die Gottheit
Gott ist in seinem ewigen Wesen vollkommen widerspruchsfrei. Daraus folgt seine absolute Verlässlichkeit.
Würde für Gott das Prinzip der Logik nicht gelten, wäre er völlig unbestimmbar und willkürlich. Wir wissen jedoch aus den Worten Jesu, dass ein Reich, welches in sich uneins ist, keinen Bestand haben kann. Da Gottes Reich ewig bleibt, muss Gott in sich vollkommen eins und widerspruchsfrei sein.
Hinsichtlich seines Wesens gilt daher das Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten: Gott ist rein gut; ein unvollkommenes Schwanken zwischen Gut und Böse ist in ihm logisch ausgeschlossen.
Ein solcher Gott ist nicht eigenschaftslos.
Ein eigenschaftsloser Gott entziehe sich jeder rationalen Kommunikation und wäre nur durch subjektive Mystik erfassbar.
Da der christliche Gott sich jedoch offenbart hat, besitzt er erkennbare Eigenschaften.
Seine primäre Eigenschaft ist die Güte, aus der seine Verantwortung für die Schöpfung und sein Heilsplan hervorgehen.
Damit dieser Heilsplan garantiert gelingen kann und moralisch gerechtfertigt ist, muss Gott vollkommen sein.
Ein unvollkommener Gott könnte keine Heilsgarantie geben, ließe seine Geschöpfe im Stich und würde dadurch ungerecht, daher unvollkommen, handeln.
Gottes absolute Verlässlichkeit gründet in seiner Unveränderlichkeit. Diese Unveränderlichkeit widerspricht nicht seinem Handeln in der Welt: Während Gott in seinem ewigen Wesen (als Vater) jenseits der Zeit unveränderlich bleibt, greift er durch die Personen des Sohnes (Jesus Christus) und des Heiligen Geistes dynamisch in die menschliche Geschichte ein.
Seine erkennbaren Eigenschaften fließen in seiner Güte zusammen, aus der wiederum seine Verantwortung für die Schöpfung und sein Heilsplan hervorgehen.
Dieses göttliche Wesen umfasst die unendlichen Attribute der Ewigkeit, Allgegenwart, Allwissenheit und Allmacht, die in perfekter Harmonie zueinander und zu seiner Güte stehen.
Gott existiert nicht innerhalb der Zeit, sondern er umfasst sie.
Seine Ewigkeit ist ein zeitloses, permanentes Jetzt.
Dadurch ist er allgegenwärtig – räumlich und zeitlich an jedem Punkt der Schöpfung simultan präsent.
Weil Gott außerhalb der Zeit steht, bedeutet Allwissenheit nicht, dass er die Zukunft im menschlichen Sinne im Voraus bestimmt.
Gott sieht die gesamte Zeitlinie – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – gleichzeitig.
Er weiß, wie der Mensch sich in seiner Freiheit entscheidet, ohne dieser Entscheidung die Freiheit zu nehmen.
Damit der Begriff der Allmacht in diesem Gefüge sinnvoll gebraucht werden kann, muss er frei von Selbstwidersprüchen definiert sein.
Eine Definition, nach der Allmacht beinhaltet, dass Gott zugleich auch nicht allmächtig sein müsste – wie es das klassische Paradoxon vom unanhebbaren Stein suggeriert –, ist logisch unhaltbar.
Ein Stein ist als Teil der physikalischen Schöpfung immer ein geschaffenes Objekt. Gott kann mit seiner Schöpfung tun, was er will und was seiner inneren Gesetzlichkeit entspricht.
Er kann keinen Stein erschaffen, der mächtiger ist als er selbst, denn dies wäre ein durch fehlerhafte Selbstreferenz erzeugter Widerspruch.
Allmacht definiert sich daher sinnvoll nicht in Bezug auf Gott selbst, sondern relational in Bezug auf die Schöpfung:
Gott ist absolut mächtiger als alles, was er geschaffen hat. Es gibt keinen Stein und kein Element der Schöpfung, mit dem er nicht machen könnte, was er will, und es kann nichts existieren, das sich seinem finalen Willen entzieht.
Seine Allmacht ist somit die unendliche, widerspruchsfreie Macht zu erschaffen, zu erhalten und zu beherrschen.
Wäre das menschliche Selbst ein geschlossenes, von Gottes Allmacht lückenlos vorherbestimmtes System, läge die moralische Schuld für das Böse allein beim Konstrukteur.
Die Schöpfung ist moralisch jedoch dadurch gerechtfertigt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat.
Im Sinne dieser Imago Dei nutzt Gott seine Allmacht, um sich selbst im Akt der Schöpfung freiwillig zurückzunehmen.
Er verleiht dem menschlichen Selbst einen Funken seiner eigenen Unverursachtheit und damit die Fähigkeit, neue Kausalketten ganz von vorne zu beginnen.
Der Mensch ist in seinen moralischen Entscheidungen damit frei und eine Erstursache im Kleinen.
Gottes Allwissenheit beobachtet diese Freiheit in der Ewigkeit, aber seine relationale Allmacht erzwingt sie nicht.
Die Erschaffung eines moralisch freien, unverursachten Wesens impliziert zwingend das Risiko des Missbrauchs.
Die Schöpfung freier Menschen ermöglicht daher die Existenz böser Menschen. Diese Schöpfung ist moralisch nur dadurch zu rechtfertigen, dass Gott vollkommen ist.
Er trägt das reale Risiko dieser echten Freiheit, weil er durch seine Allmacht und Allwissenheit die Konsequenzen dieses Risikos überblickt und beherrscht.
Er garantiert durch seinen Heilsplan, dass das Böse am Ende nicht das letzte Wort behält. Gottes absolute Verlässlichkeit gründet dabei in seiner Unveränderlichkeit.
Diese widerspricht nicht seinem Handeln: Während Gott in seinem ewigen Wesen jenseits der Zeit unveränderlich bleibt, greift er durch die Personen des Sohnes (Jesus Christus) und des Heiligen Geistes allgegenwärtig in die menschliche Geschichte ein.
Dabei verändert sich Gottes Wesen nicht, sondern die Schöpfung erfährt durch sein geschichtliches Wirken Wandlung, Rettung und Vollendung.
Die Vollkommenheit Gottes garantiert, dass der Heilsplan gelingt und die Schöpfung am Ende erlöst wird.
08.
Der freie Wille
1.
Zunächst:
Ein Wille ist dann frei, wenn er durch das Subjekt selbst verursacht wird.
Wenn also ich es bin, der etwas will.
Im Umkehrschluss wäre ein Wille dann nicht frei, wenn nicht ich die Ursache meines Willens wäre, sondern jemand oder etwas anderes steuern würde, was ich will.
Wenn ich also eine Marionette an unsichtbaren Fäden hängend wäre.
Ein unverursachter, daher rein zufälliger Wille, der nicht auf mich selbst zurück geht, wäre nicht mein Wille und damit wäre die Bezeichnung „frei“ nicht zutreffend.
2.
Aber:
Ein Wille kann durch mich verursacht, aber unbestimmt oder bestimmt sein.
Bestimmt bedeutet, dass man, wenn man die Gründe des Wollenden kennen würde, den Willen eines Menschen vorhersagen könnte.
Unbestimmt bedeutet, dass es keine Gründe dafür gibt, warum jemand etwas will.
Ein solcher Wille wäre in gewisser Hinsicht zufällig, da er zwar auf mich zurückzuführen aber nicht durch mein Selbst bedingt ist. Der Wille entsteht in mir, es gibt jedoch keine Grundsätze durch die der Wille bestimmt wird.
3.
Zusätzlich:
Wenn ich etwas will, aber an der Ausführung meines Willen gehindert werde, dann habe ich keine Handlungsfreiheit diesbezüglich.
Ein Beispiel wäre ein Kind, welches auf die Straße rennen will, aber von der Mutter aufgehalten wird – oder ein Verbrecher, dem man Handschellen anlegt.
4.
Folglich:
Ein unbestimmter Wille hätte zur Folge, dass man erstens selbst nicht einschätzen könnte, was man als nächstes will, und zum anderen, dass niemand anderes einschätzen könnte, was jemand will.
Ein bestimmter Wille hätte zur Folge, dass man in etwa einschätzen kann, was man will, und dass andere Menschen in etwa einschätzen können, was man will.
5.
Probleme:
Wenn der Wille unbestimmt wäre, dann gäbe es so etwas wie Charakter oder Wesen nicht – niemand könnte einen anderen Menschen kennen und man würde sich selbst auch nicht kennen.
Jemanden kennen bedeutet hier nicht, dass man immer weiß, was jemand will, aber doch in etwa einschätzen kann, was jemand will und wie er sich verhalten wird.
Wenn der Wille bestimmt ist, wie kann er dann trotzdem frei sein?
Dies erscheint zunächst widersprüchlich – ist es jedoch nicht, denn der Wille geht ja erstens auf mich selbst zurück und zweitens wird er bedingt durch meinen Charakter, daher durch bewusste und unbewusste Gründe meines Wollens.
6.
Unschärfe:
Der Mensch im Alltag handelt oft unbewusst oder nicht rational.
Wenn er unbewusst handelt, kann es sein, dass er seinen verinnerlichten Grundsätzen ohne großes Nachdenken folgt, oder dass er durch etwas anderes – z.B. Propaganda, Werbung oder andere Manipulationen – beeinflusst ist.
Wenn er bewusst handelt, dann kann es trotzdem sein, dass er irrational handelt, wenn er daher unvernünftig ist oder sich irrt.
Ebenso kann der Mensch durch seine Triebe, Schmerzen, Gefühle etc. beeinflusst sein.
Im Alltag ist der Mensch daher immer nur in einer Hinsicht frei, nämlich dahingehend, dass er keine völlig fremdgesteuerte Marionette ist.
Er ist aber nicht immer dahingehend frei, dass er nur das will, was seinem Charakter entspricht.
Es gibt hier also eine Unschärfe unseres Wollens, was dazu führt, dass es Abweichungen in unserem Verhalten gibt.
7.
Rekursiv:
Ich gehe im Weiteren davon aus, dass der Wille frei und durch das Wesen/den Charakter eines Menschen bestimmt ist.
Der Mensch ist wankelmütig, er trifft nicht immer die gleichen Entscheidungen, denn er lernt aus den Konsequenzen seiner Handlungen und er formt seinen Charakter.
Er wird also durch sein Wesen/seinen Charakter bestimmt und ist aber dennoch in der Lage, auch sein Wesen zu beinflussen.
Es gibt hier eine wechselseitige/rekursive Beziehung. Diese ermöglicht es dem Menschen, Grundsätze etc. zu verinnerlichen.
Das, was man verinnerlicht, bestimmt unser Wesen/unseren Charakter. Es ist daher im Leben von hoher Bedeutung innezuhalten und darüber nachzudenken, was für ein Mensch man sein möchte, und dann daran zu arbeiten, dass man sich entsprechend entscheidet/verhält und sich ändert.
8.
Erlösung:
Es ist wohl sicher, dass es im Himmel keine Sünde gibt. Weder die Menschen noch die Engel, die im Himmel sind, können noch sündigen. Dennoch sind sie keine Marionetten Gottes, denn dann würde der Verweis auf den freien Willen nirgends Sinn machen.
Damit aber etwas frei sein kann und dennoch keine Sünde begehen kann, muss es einen unveränderlichen Willen besitzen und dieser muss stets auf das Gute ausgerichtet sein.
Damit ein Mensch nur das Gute will, muss er zuvor vom Bösen gereinigt sein. Darin sehe ich die Gnade Gottes, dass er gemäß unserer Entscheidung uns vom Bösen in uns selbst befreit. Und das ist eine Härte für uns.
Röm 7,18 Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen.
09.
Das Bewusstsein
Ob andere Menschen ein Bewusstsein haben und ob wir anderen Lebewesen wie Tieren und Pflanzen ebenfalls ein Bewusstsein zugestehen, hängt von der Kultur ab.
Die Zuweisung eines Bewusstseins basiert dabei auf einem Analogie-Schluss – man geht davon aus, dass etwas ein Bewusstsein hat, weil es sich analog zu einem selbst verhält.
Selbst etwas, was sich nicht direkt analog zu uns verhält, jedoch eine hinreichende Ähnlichkeit besitzt, kann im Zuge eines gesellschaftlichen Prozesses als Bewusstsein anerkannt werden.
Bei der KI wird dies aber nicht unbedingt der Fall sein, weil es kulturelle Strömungen in der Gesellschaft gibt, welche die Vorstellung, dass ein „Toaster“ wirklich ein Bewusstsein haben könnte, für grundsätzlich absurd halten.
Es ergeben sich aber auch andere Probleme bezüglich der starken KI. Um Bewusstsein künstlich schaffen zu können, müsste man erst einmal wissen, wie es entsteht.
Da gibt es nur wenig erfolgversprechende Ansätze:
1.
EMERGENZ
Wenn man eine bestimmte Komplexität eines Computersystems erreicht, dann bildet sich Bewusstsein, wobei sich das Bewusstsein dann nicht auf die Eigenschaften der Einzelkomponenten und physikalische Gesetzmäßigkeiten zurückführen lässt. Quasi eine „magische“ Schöpfung etwas gänzlich Neuem und Anderem, durch eine hinreichend ähnliche Anordnung verschiedener Komponenten. Das hat dann etwas von Alchemie und Signaturenlehre.
Dabei greift auch das populäre Beispiel von Salz (Natriumchlorid) zu kurz, um echte Emergenz zu erklären:
Es wird oft behauptet, der salzige Geschmack sei emergent, weil weder das hochreaktive Metall Natrium, noch das giftige Gas Chlor für sich genommen salzig schmecken. Doch dieser Vergleich hinkt.
Die physikalischen und chemischen Eigenschaften von Salz (wie seine Kristallstruktur oder Löslichkeit) lassen sich mittels der Quantenmechanik und Chemie sehr wohl präzise aus den Eigenschaften der Einzelkomponenten und deren Wechselwirkungen ableiten.
Der „salzige Geschmack“ hingegen entsteht erst im biologischen Bewusstsein des Betrachters – das Beispiel verschiebt das Problem des Bewusstseins also nur, statt es zu erklären.
Es ist daher generell fraglich, ob echte („starke“) Emergenz in der Natur überhaupt existiert.
Wenn sich eine Eigenschaft prinzipiell nicht aus den beteiligten Einzelkomponenten und ihren physikalischen Gesetzen herleiten lässt, bewegt man sich außerhalb des wissenschaftlich Erklärbaren.
Was wir in der Wissenschaft als „emergent“ bezeichnen, ist meist nur ein Mangel an mathematischer Rechenleistung oder Modellen (schwache Emergenz) – das System verhält sich nur für uns überraschend.
Ein echtes „Auftauchen“ von etwas fundamental Neuem ohne physikalische Ableitbarkeit ist wissenschaftlich nicht haltbar und existiert vermutlich gar nicht.
2.
ELIMINATIVISMUS / ILLUSIONISMUS
Bewusstsein ist in dieser Denkrichtung nur ein Begriff für ein autonom interagierendes System.
Aus dieser Sichtweise heraus ist das, was wir als tiefes, subjektives Erleben empfinden, in Wahrheit eine reine funktionale Illusion.
Das Gehirn arbeitet wie eine grafische Benutzeroberfläche: Es vereinfacht komplexe Datenströme zu einem vermeintlich „magischen“ Gefühl, um sich selbst zu steuern.
Wenn Bewusstsein aber nur ein trickreicher evolutionärer Sortierprozess von Informationen ist, reduziert sich das menschliche Dasein auf reine Informationsverarbeitung.
Der Mensch ist dann letztlich auch nur eine biologische Maschine, deren vermeintlicher Geist vollständig in funktionalen Abläufen aufgeht.
Der Versuch das Bewusstsein als bloße Illusion wegzuerklären, stößt jedoch auf ein fundamentales Problem der Selbstreferenz:
Jede Theorie, die das menschliche Ich erklären will, ist zwangsläufig eine Theorie des Ichs über das Ich.
Das Bewusstsein kann sich selbst nie vollständig von außen betrachten, da der Beobachter und das Beobachtete identisch sind.
Das Selbst lässt sich daher nicht aus rein funktionalen Prozessen ableiten; es existiert als unhintergehbares Axiom, das wir als ersten, absolut notwendigen Startpunkt jeder Erkenntnis akzeptieren müssen.
Der Eliminativismus scheitert folglich daran, dass eine Illusion immer die Täuschung eines Bewusstseins voraussetzt.
Wenn das Bewusstsein eine Illusion wäre, wäre es eine Täuschung über sich selbst – eine Illusion, die nur als Illusion existiert und sich damit in ihrer eigenen Existenz als Phänomen bestätigt.
3.
REDUKTIVER PHYSIKALISMUS
Weil das Bewusstsein als unhintergehbares Axiom eben nicht einfach wegerklärt werden kann, versucht der reduktive Physikalismus, es stattdessen vollständig auf seine materiellen Bausteine zurückzuführen.
Eine solche reduktive Herleitung des Bewusstseins ist bisher jedoch nicht gelungen und es ist bisher auch noch nicht einmal denkbar, wie diese gelingen soll.
Grund dafür ist die fundamentale Qualia-Problematik (das sogenannte „harte Problem“ des Bewusstseins). Qualia bezeichnen den rein subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustands – also die Frage, wie es sich anfühlt, eine Erfahrung zu machen.
Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel von Schmerz durch eine Verbrennung:
Die physikalische Ebene:
Auf der Haut findet eine Gewebeschädigung durch Hitze statt – eine chemische Reaktion (Oxidation).
Die neurobiologische Ebene:
Nozizeptoren senden elektrische Impulse über das Rückenmark zum Gehirn, was zu einem milliardenfachen Feuern der Neuronen führt.
Das unüberbrückbare Qualia-Problem:
Bis zu diesem Punkt lässt sich die gesamte Kausalkette lückenlos physikalisch beschreiben und messen.
Warum das Feuern dieser spezifischen Neuronen im Gehirn nun aber in das bewusste, peinigende Gefühl des Schmerzes umschlägt, ist daraus nicht reduktiv herleitbar.
Aus der rein physikalischen Messung der Nervenimpulse lässt sich die eigentliche Dimension des subjektiv erfahrenen Leids nicht ableiten.
Während sich die physikalische und funktionale Ebene problemlos beobachten und analysieren lässt, entzieht sich die subjektive Innenseite der Wahrnehmung jeder physikalischen Messung oder logischen Herleitung.
Der reduktive Physikalismus scheitert bisher an der Erklärung, wie aus toter Materie überhaupt ein innerer, fühlender Erlebnisraum entstehen kann.
Ohne diese Brücke bleibt jede rein materielle Beschreibung des Gehirns unvollständig; sie beschreibt zwar die neurobiologische Aktivität, lässt das bewusste Erleben im Inneren jedoch unberührt.
Haben Tiere ein Bewußtsein?
Die gezielte Selbstverabreichung von Schmerzmitteln bei Tieren liefert ein starkes Argument gegen die These, dass tierisches Verhalten rein automatisiert und ohne bewusstes Erleben abläuft.
Während ein biologischer Automat oder ein Mensch mit „Blindsehen“ lediglich mechanisch auf sensorische Daten reagieren würde, zeigt dieses experimentelle Design, dass Tiere Schmerz als einen subjektiv unangenehmen Zustand bewerten, den sie aktiv verändern wollen.
In klassischen Versuchen, wie der wegweisenden Studie an lahmen Masthühnern von Danbury et al. (2000), erhalten Tiere die Wahl zwischen normalem Futter und einer mit Schmerzmitteln versetzten Alternative.
Da die Arznei bitter schmeckt, meiden gesunde Hühner sie. Verletzte Tiere hingegen fressen umso mehr von dem medizinischen Futter, je stärker ihre Schmerzen sind.
Sobald die Wirkung einsetzt und sich ihr Gangbild verbessert, pendelt sich die Aufnahme ein.
Ähnliche Verhaltensmuster wurden auch bei Ratten und Fischen nachgewiesen.
Dieses Verhalten widerlegt das Blindseher-Argument auf zwei Ebenen:
Zum einen erfordert es eine Abwägung verschiedener Qualitäten des Erlebens: Das Tier nimmt den gegenwärtigen, schlechten Geschmack des Futters in Kauf, um ein noch unerträglicheres Gefühl – den Schmerz – loszuwerden.
Zum anderen handelt es sich hierbei nicht um einen reflexartigen Schutzmechanismus im Hier und Jetzt, sondern um ein zielgerichtetes Zustandsmanagement.
Die Erleichterung tritt erst zeitverzögert über den Stoffwechsel ein.
Dass ein Organismus unter Aufwendung von Mühe oder Opfern gezielt nach einer Reduktion des Schmerzes strebt, belegt, dass die sensorische Information im Nervensystem von einer negativen emotionalen Komponente begleitet wird.
Schmerz wird somit nicht nur registriert, sondern im philosophischen Sinne als Leid empfunden.
Haben Pflanzen ein Bewußtsein?
Nach aktuellem naturwissenschaftlichem Konsens besitzen Pflanzen kein Bewusstsein.
Da sie weder über ein zentrales Nervensystem noch über ein Gehirn verfügen, fehlen ihnen nach heutigem Verständnis die biologischen Voraussetzungen, um Reize in subjektives Erleben (Qualia) oder Emotionen zu übersetzen.
Dennoch zeigt die moderne Forschung, dass Pflanzen zu hochkomplexen, scheinbar intelligenten Reaktionen fähig sind.
Sie kommunizieren über Gase mit Nachbarpflanzen, tauschen Nährstoffe über unterirdische Pilznetzwerke aus und können harmlose Reize dauerhaft ignorieren, was einem unbewussten Lernverhalten entspricht.
Diese Anpassungsleistungen lassen sich jedoch vollständig über das Modell des unbewussten Regelkreises erklären.
Wenn ein Blatt verletzt wird, breiten sich rein physikalische Aktionspotenziale und Kalziumwellen über das Leitgewebe aus und stoßen am Zielort direkt die Produktion von Abwehrstoffen an. Auch das Wachstum zum Licht wird mechanisch über Hormonkonzentrationen gesteuert, die die Streckung der Zellen auf der Schattenseite regulieren.
Mangels einer zentralen Verarbeitungsinstanz wird dieser Informationsfluss im Nervensystem nicht als Leid oder Absicht registriert.
Ein scheinbares Gegenargument liefern Experimente zur Narkotisierung von Pflanzen.
Setzt man eine Venusfliegenfalle oder eine Mimose medizinischen Narkosemitteln wie Diethylether oder Xenon aus, verlieren sie vorübergehend ihre Reaktionsfähigkeit.
Die Falle schließt sich bei Berührung nicht mehr, und elektrische Signale bleiben aus. Nach dem Verflüchtigen des Gases kehren die Reaktionen vollständig zurück.
Was oberflächlich wie das Abschalten eines basalen Bewusstseins wirkt, beruht jedoch auf einem rein zellulären Mechanismus: Narkosemittel verändern die Flexibilität von Zellmembranen.
Dadurch blockieren sie die Ionenkanäle, die für die elektrische Reizweiterleitung und den Proteintransport zuständig sind.
Die Narkose unterbricht bei der Pflanze somit kein inneres Erleben, sondern lediglich die biophysikalische Datenleitung.
Ob man Pflanzen dennoch ein Bewusstsein zuspricht, bleibt letztlich eine Frage der philosophischen Prämisse. Während der wissenschaftliche Neurozentrismus Bewusstsein strikt an neuronale Hardware bindet, geht die Minderheitenmeinung des Biopsychismus davon aus, dass alles Lebendige eine Form von innerem Erleben besitzt.
Da Pflanzen jedoch keine Verhaltensänderungen zeigen, die auf ein emotionales Abwägen hindeuten – wie etwa die gezielte Selbstverabreichung von Schmerzmitteln bei Tieren –, ist ihre Einstufung als hochgradig adaptive, aber bewusstlose Organismen die wissenschaftlich sparsamste Erklärung.
Haben Computer ein Bewußtsein?
Nach aktuellem wissenschaftlichem und philosophischem Konsens besitzen Computer kein Bewusstsein.
Sie verarbeiten Daten, erzeugen dabei jedoch kein subjektives Erleben (Qualia).
Da Bewusstsein eine reine Innenseite hat, entzieht es sich dem direkten, objektiven Nachweis.
Jede Schlussfolgerung über das Vorhandensein von künstlichem Bewusstsein beruht daher zwingend auf einer gewählten philosophischen Prämisse.
Die Neurowissenschaft kann bis heute nicht erklären, wie Bewusstsein entsteht.
Bekannt sind lediglich die neuronalen Korrelate, also die Hirnaktivitäten, die mit bewussten Erlebnissen einhergehen.
Der Sprung von der rein physikalischen, elektrochemischen Signalverarbeitung zum tatsächlichen Gefühl – in der Philosophie des Geistes als das „harte Problem des Bewusstseins“ bezeichnet – ist wissenschaftlich ungeklärt.
Ohne dieses Wissen lässt sich die Frage, ob man Bewusstsein künstlich hervorrufen kann, nur über theoretische Grundannahmen beantworten. Wie die Prämisse, so fällt daher dann der Schluss aus.
10.
Die Sprache
Sprache ist weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Lauten oder Symbolen; sie ist das fundamentale Medium, in dem wir unsere Gedanken sowohl strukturieren als auch mitteilen.
Menschliches Denken verläuft selten linear.
Bevor ein tieferer, schöpferischer Denkprozess einsetzt, bedarf es eines inneren oder äußeren Anreizes. Dieser bewusste Impuls lenkt die Aufmerksamkeit gezielt auf eine Sache und stößt die kreative Arbeit des Geistes an.
Aus den Tiefen des Un-, Halb- und Vollbewussten steigt ein Gedanke zunächst als ein vieldimensionales, assoziatives Ganzes empor.
In diesem Zustand der Intuition und Fantasie erscheint uns die Idee oft als völlig stimmig und abgeschlossen.
Erst wenn wir versuchen, diesen Zustand zu linearisieren – ihn also Wort für Wort in Sprache oder Schrift zu gießen –, bricht seine ursprüngliche Vieldimensionalität auf.
Die Sprache erweist sich hierbei nicht als fehlerhafter Filter, sondern als Prüfstein:
Beim Formulieren bemerken wir oft, dass das, was uns im Kopf als stimmig erschien, in Wahrheit noch ungenau und unvollständig war.
Das Bewusstsein erschöpft sich nicht in der Sprache, aber die Sprache ist der strukturierende Akt, der den Gedanken erst fassbar macht.
Da eine direkte, telepathische Übertragung von Geist zu Geist unmöglich ist, arbeitet Sprache mit Symbolen – seien es akustische Laute, optische Schriftzeichen oder sensorische Blindenschrift.
Um diesen Prozess zu verstehen, hilft die sprachtheoretische Unterscheidung von Gottlob Frege zwischen dem Sinn und der Bedeutung eines Zeichens.
Der Sinn beschreibt die Art und Weise, wie ein Gedanke ausgedrückt wird – er ist der logische und gedankliche Inhalt eines Satzes.
Die Bedeutung hingegen ist der tatsächliche Bezugspunkt in der Realität, auf den das Zeichen verweist.
Bezogen auf einen ganzen Satz ist die Bedeutung schlicht sein Wahrheitswert: das Wahre oder das Falsche.
Der Sender transportiert folglich nicht den Gedanken selbst, sondern codiert ihn in ein sprachliches Gewand, den Sinn.
Der Empfänger wiederum muss diesen Sinn dekodieren, um über ihn die zugrundeliegende Bedeutung, also den Bezug zur Wirklichkeit, in seinem eigenen Bewusstsein neu zu erschaffen.
Dieser mehrstufige Transformationsprozess ist anfällig für Störungen, die sich durch Freges Modell präzise verorten lassen:
Syntaktische Fehler
Sie entstehen durch Unachtsamkeit bei der Formulierung und verletzen die grammatikalischen Regeln der Sprachform. Der Satz ist formal falsch konstruiert.
Semantische Fehler
Sie betreffen die Seite des Senders. Wenn aus Ungenauigkeit ein unpassender Sinn gewählt wird, transportieren die Worte einen anderen Gedanken als beabsichtigt. Die Aussage steuert folglich auf eine falsche Bedeutung in der Realität zu, noch bevor sie den Empfänger erreicht.
Hermeneutische Irrtümer
Sie betreffen die Interpretation auf der Seite des Empfängers.
Selbst wenn der Sender den Sinn präzise formuliert hat, erfasst der Empfänger diesen durch Unachtsamkeit oder Fehldeutung falsch und sucht die Wahrheit der Aussage am falschen Ort.
Die ethische Aufgabe der Rhetorik liegt darin, diese Fehler- und Irrtumsquellen zu minimieren. Vom moralischen Standpunkt aus sollte Rhetorik nicht dazu dienen, das Gegenüber zu manipulieren, zu blenden oder bloß zu beeindrucken.
Ihre wahre Kunst liegt in der Übersetzung:
Sie soll Gedanken durch eine treffsichere Wahl des Sinns so exakt und verständlich wie möglich vermitteln, um dem Gegenüber die fehlerfreie Rekonstruktion der intendierten Bedeutung zu erlauben.
Jede so geformte Aussage teilt sich somit in eine formale Dimension (die Syntax) und eine inhaltliche Dimension (den Sinn).
Während die Syntax den Regeln der Grammatik folgt (richtig oder falsch), beansprucht jede Aussage für sich, wahr zu sein.
Dieser Wahrheitsanspruch ist eine unhintergehbare Spielregel der Kommunikation.
Selbst der Lügner muss diesen Anspruch erheben, da seine Lüge andernfalls nicht funktionieren könnte.
Das inhaltliche Wesen der Wahrheit selbst entzieht sich dabei einer Letztdefinition; jeder Versuch, sie allgemein und ohne Rückbezug zu definieren, setzt Kriterien von Wahrheit bereits voraus.
Wer beweisen will, was Wahrheit im Kern ist, muss bereits voraussetzen, dass dieser Beweis wahr ist, und endet in einem unauflösbaren Zirkelschluss.
Wir können Wahrheit somit nicht logisch von außen herleiten, sondern sie lediglich als das fundamentale Axiom beschreiben, auf dem jede menschliche Verständigung ruht.
Wahrheit ist objektiv, zeitlos und universal; sie verändert sich selbst dann nicht, wenn sich die menschlichen Meinungen über sie wandeln.
In Platons Ideenlehre etwa existiert die Wahrheit in einer übergeordneten Welt ewiger Formen.
Ein mathematischer Kreis bleibt immer ein Kreis, und Gerechtigkeit im metaphysischen Sinne bleibt identisch, unabhängig davon, ob Menschen dies erkennen.
Im theologischen Denken, beispielsweise bei Augustinus oder Thomas von Aquin, wird diese Zeitlosigkeit auf Gott als Ursprung aller Wahrheit zurückgeführt, dessen Schöpfungsordnung unveränderlich steht.
In der Neuzeit hat der Fichte-Experte Reinhard Lauth in seinem Werk „Die absolute Ungeschichtlichkeit der Wahrheit“ pointiert dargelegt, dass sich zwar unsere Erkenntnis und die Anwendung von Wahrheit im Laufe der Zeit wandeln, die Wahrheit selbst aber als absolut geschichtslos vorausgesetzt werden muss.
Jede historische Veränderung betrifft demnach nur das menschliche Bewusstsein, nicht den Wahrheitsgehalt an sich.
Rechtliches
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